Musik aus der Folterkammer: Der Erfolg der ostdeutschen Rockgruppe Rammstein Brich feige mein Genick Von Thomas Mießgang 7. November 1997, 13:00 UhrQuelle: (c) DIE ZEIT 1997 https://web.archive.org/web/20100227193510/http://www.zeit.de:80/1997/46/rammstein.txt.19971107.xml?page=all&print=true Jetzt habt Ihr es! Erst habt Ihr den Osten geknechtet und geschändet, fiese Investoren und Import-Export-Leute rübergeschickt, der Treuhand die Lizenz zur Abwicklung erteilt. Doch unter dem platt gemachten Land rumorten die Untoten in ihren Gräbern. Nun sind sie da, kalkweiß, hohlwangig, mit stechendem Blick und holen sich Eure Kinder! 500 000 Stück vom ersten Tonträger "Herzeleid" ans Käufervolk gebracht, das zweite Album "Sehnsucht" in die Top ten der Hitparade geliftet; halb Deutschland mit Flammenwerfern abgefackelt und mit Lärmattacken zugedröhnt. Ohrensausen, Hirnriß, Blackout. Dann das große Rätselraten. Was ist dran an diesen Killermaschinen, die aus der Kälte kamen? An der Musik kann es wohl nicht liegen. Denn bei Rammstein gilt die Tageslosung: War schon mal da? Macht nichts, Hauptsache, es knallt. Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bißchen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies: "Bück dich befehl ich dir wende dein Antlitz ab von mir dein Gesicht ist mir egal bück dich." Till Lindemann, der Sänger, den sie Feldwebel nannten, verleiht solcher Kiez-Poesie den Sound der blonden Bestie: mitleidlos, knarrend, herrisch. Als ob Heino sich in der Tür der Aufnahmestudios geirrt hätte. Wenn Rammstein aber gerade nicht von der Muse geküßt werden, dann kommt auch delirantes Suff-Gelalle aufs Textblatt: "Willst du bis der Tod euch scheide treu ihr sein für alle Tage Nein Willst du bis zum Tod der Scheide sie lieben auch an schlechten Tagen Nein." Man kann sich gut vorstellen, wie die Rammsteine, die vor ihrer Karriere als Brandstifter in vielen uninteressanten Bands als Biedermänner gemuckt und gerackert haben, kichernd solche Zeilen auf Klopapier notieren. Nach dem dritten Kasten Bier. In ihrem Heimatquartier, dem "Knaack-Club" in Ostberlin. Und dann auf die Fahrräder, aber nach Hause zu den Kindern, die allein erzogen werden. Will vielleicht noch jemand einen Korb geflochten haben? Man hat ja schließlich einen bürgerlichen Beruf erlernt. Rammstein: Takeover des Ostens, eine PDS, die bundesweit respektable Ergebnisse einfährt. Und ganz Deutschland zittert in wohligem Schauder unter dieser Proll-Zumutung, die man sich selber gar nicht auszudenken wagen würde: "Wie gefährlich ist diese Gruppe?" fragt Bild am Sonntag scheinheilig und von der eigenen Gefährlichkeit ablenkend. Sind das Kinderschänder, Asylantenfresser, Nazis gar? Kontroverses Phänomen; Stirnen werden gerunzelt, Pädagogen wachen auf, Kultusminister bekommen Seitenstechen. Müßte man da nicht ...? Sollte man da nicht ...? Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: Rammstein sind weder Beelzebuben noch Führer, sondern Erben der unseligen Tradition des DDR-Rock. So wie die Puhdy's, City und Co. den Westentwicklungen hinterherhinkten und aus dieser Asynchronität karikaturhaften Reiz gewannen, so nisten sich auch Rammstein, über das Ende der DDR hinaus, in einer Schock-Vergangenheit ein, die im Westen längst zu den Akten gelegt wurde. Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben. Wenn in ihren Videos das Feuer züngelt, wenn auf der Bühne das Kettenhemd in Flammen steht, dann zelebriert Till Lindemann jenen Gott des Höllenfeuers, der schon vor dreißig Jahren von Arthur Brown ("Fire!") verkörpert wurde. Wenn die Band in breiter Formation über leere Plätze marschiert, dann erinnert das an die Auftritte der Revolverhelden in den Filmen von Leone oder Corbucci. Daß Gottfried Helnwein, auch so ein Übriggebliebener aus schöneren Skandaljahrzehnten, die Rammstein-Fratzen auf der CD-Hülle mit seinen bekannten Kopfbandagen und Hannibal-the-Cannibal-Maulkörben verzieren darf, ist nur die folgerichtige Konsequenz. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hat einmal geschrieben, daß Jugoslawien das verdrängte Unbewußte Europas sei; die Schlammgrube der düsteren Wünsche und Begierden, der Kerker jener Dinge, die man vor sich selbst verbergen möchte. Die Band Laibach, mit Zizek gut bekannt, spielte in ihrer großen Zeit virtuos mit den Zeichen und Masken dieses Unbewußten, machte daraus ein Feuerund-Lärm-Spektakel. Rammstein, die manchmal geradezu tolldreist bei Laibach abpausen, liefern die Augsburger-Puppenkiste-Version dieses Theaters der Grausamkeit nach. Das, was am Osten immer fremd geblieben ist, was in den Kalkulationen nicht restlos aufging, was von der Gauck-Behörde nicht definitiv geklärt werden konnte, kehrt jetzt als Comic strip zurück. Rammstein feiern das Schopenhauersche An-sich, den blinden, ziellosen Willen, die ungeformte Kraft: "Bin ich schöner zerschneid mir das Gesicht bin ich stärker brich feige mein Genick bin ich klüger töte mich und iß mein Hirn." Schon hat der Philosophieassistent seine Nietzsche-Ausgabe gezückt und deutet triumphierend auf das Wort Übermensch. Geschenkt. Doch die Verbindung zum Pferdeküsser läßt sich auf eine viel subtilere Weise knüpfen. Der Philosoph hat nämlich in seinem Frühwerk die tragische Haltung als Möglichkeit definiert, den Schrecken und der Entsetzlichkeit des Daseins überhaupt standhalten zu können. Der Intellektualismus, meinte Nietzsche, sei der Niedergang dieses Lebensentwurfes gewesen; die Menschen ließen sich nun mehr von rationalen Überlegungen leiten und nicht mehr von ihren Instinkten. Da sind wir schon wieder sehr nahe bei Rammstein, den tragischen Melancholikern, die auch mal von Sehnsucht und von Engeln singen, wenn sie die Flammenwerfer abgeschaltet haben, die den Instinkten folgen und der Computerwelt des Westens das Archaische, den Mythos um die Ohren schlagen. "Das Wasser wird dein Spiegel sein erst wenn es glatt ist, wirst du sehen wieviel Märchen dir noch bleibt und um Erlösung wirst du flehen." Rammstein sind die Schande der Popmusik, ein präzivilisatorisches Monument, das uns Dinge erzählt, die wir schon längst vergessen hatten. In ihnen hat etwas überlebt, und es wird immer unter uns sein.